Recherche in Wiesbaden

FASSADEN - "Hinschauen, aufklären, für eine andere gesellschaft kämpfen."

Mit dieser Aussage endet der Film FASSADEN von Kristine Tauch und Matthias Gathof, der das wahre Gesicht der Prostitution zeigt und das geistige Konstrukt der selbstbestimmten Hure als das einer Minderheit aufdeckt. Dazu begleiten die beiden Wiesbadener Filmschaffenden die Abolitions-Aktivistin, Soziologin und ehemalige Stadtverordnete Manuela Schon auf ihrer Reise zu den Orten sexueller Ausbeutung in Wiesbaden. Zitate aus Freierforen und dem Buch „Die Gefallene“ von Amely Bölte, die schon im 19. Jahrhundert aktiv in der  Frauenrechts- und Abolitions-Bewegung in Wiesbaden war, machen klar: Prostitution ist kein Job wie jeder andere, sondern Gewalt gegen Frauen und verhindert Gleichstellung.

Wiesbaden. “Manchmal wünschte ich mir wirklich, ich könnte wieder wie früher unbeschwert und blind durch meine Stadt laufen…“, sagt Manuela Schon und meint damit ihre Erkenntnisse über Prostitution in Wiesbaden. Die Soziologin ist aktiv in der Abolitions-Bewegung (Ausstieg aus der Prostitution) und nimmt im Film FASSADEN die Wiesbadener Filmschaffenden Kristine Tauch und Matthias Gathof mit auf eine Reise an Orte der sexuellen Ausbeutung in Wiesbaden: Vom City-Massage-Salon in der Faulbrunnenstraße über die Kleine Schwalbacher Straße, dem ehemaligen Rotlichtviertel Wiesbadens, weiter durchs Wiesbadener Sperrgebiet an verschiedenen Terminwohnungen vorbei hin zum sogenannten Laufhaus bzw. Bordell Crazy Sexy in der Mainzer Straße. Auf der Kasteler Straße fährt das Team in der Linie 6 an der Roten Meile, das heute Crazy Chicken Farm heißt, über den verwaisten Landstraßenstrich, der ehemals der berühmteste Westdeutschlands war, vorbei an sogenannten AO („alles ohne Kondom“)-Häusern bis hin zum Foxhaus in Kastel, in dem die Wohnungsprostitution viele Jahre florierte. Ein paar Schritte weiter blicken wir auf ein unbebautes Gelände. Hier konnten eine Initiative von Anwohnerinnen und die Frauenorganisation in der Linken 2014 den Bau eines sogenannten Gentlemen-Clubs und eines Groß-Bordells verhindern. Trotz der vorherrschenden Meinung, dass Sex käuflich sein müsse, damit Männer nicht vergewaltigten und eine Stadt eine bestimmte Menge an Sex brauche. 

Dass Prostitution jedoch nicht leicht und angenehm, geschweige denn normal ist, sondern eine brutale und menschenverachtende Arbeit, verdeutlicht Manuela Schon anhand von Zitaten aus Internetforen, in denen sich Freier über die „Wegwerfmädchen“ äußern – respektlos und ohne jegliche Empathie.

Prostitution – kein Job wie jeder andere

Im Dialog zwischen Manuela Schon und Dr. phil. Alfons Heinz-Trossen, ehemaliger Leiter der Beratungsstelle für sexuell übertragbare Krankheiten im Gesundheitsamt Wiesbaden, Hochschuldozent und Autor des Buches “Prostitution und Gesundheitspolitik”, erhalten die Zuschauenden einen tiefen Einblick in die verdeckte und offene Prostitution in Wiesbaden, die mit Prostitution einhergehende Kriminalität und die zweierlei Maß, mit denen Frauen und Männer in der Prostitution gemessen werden. So berichtet Heinz-Trossen aus einem Urteil des Verwaltungsgerichts Minden von 1987, in dem einem Freier beim Prostitutionsakt „eine gewisse Natürlichkeit“ zugesprochen wurde, während die Prostituierte „gegen das Anstandsgefühl aller billig und gerecht Denkenden“ verstoße. Und Heinz-Trossen stellt fest, dass sich in dieser Auffassung bis heute nichts verändert hat.

Bereits Amely Bölte, Wiesbadener Vorkämpferin für Frauenrechte – vor allem das Recht auf eine sie ernährende Erwerbstätigkeit, schreibt im 19. Jahrhundert in ihrem Buch „Die Gefallene“ über die unterschiedliche Bewertung der Rollen von Männern und Frauen in der Prostitution: „Die Männer, mein liebes Kind, die die eigentlichen Sünder sind“ und mit schönen Worten und Geld „das Unheil anrichten, sie gehen frei aus, tun sogar, als ginge sie das alles gar nichts an.“ 

Gespräch Trossen Manu

Prostitution ist Gewalt

“Ich atme tief durch.“, sagt Schon, nachdem sie „nur einige der in dieser Zeit ca. 80 Prostitutionsstätten in Wiesbaden“ passiert hat und ein paar Rosen für eine Gedenkzeremonie im Bergkirchenviertel kauft. Hier in der Kastellstraße wurde Anfang der 2000er Jahre eine junge Prostituierte brutal ermordet. Der Mörder: Ihr Zuhälter. Gewalt und Brutalität sind dem Gewerbe immanent. 15 Freier am Tag hält kein Körper lange aus, unwillige Mädchen werden brutal verprügelt oder sogar ermordet. So tötete ein Freier auch Anfang der 2000er in der Eltviller Straße eine junge Frau, weil sie die „Dienstleistung“ nicht zu seiner Zufriedenheit erbrachte. 

Welche Gewalt die Freier der Seele der prostituierten Frauen jedoch antun, ist ihnen selten bewusst und interessiert offensichtlich auch nicht. Hierzu zitiert Kim Engels, Vorstand des frauen museum wiesbaden, wieder Amely Bölte: „…unter Männern aber herrscht der Wahn, eine Frau unglücklich zu machen, sei kein Verbrechen.“ 

Bölte positionierte sich klar gegenüber Prostitution und hatte in Wiesbaden viele Mitstreiterinnen, die diese als „ein Moment von Gewaltverhältnissen in unserer Gesellschaft“ sahen, „die zu Ungunsten von Frauen stattfinden“ erläutert Beatrixe Klein, Direktorin des Wiesbadener frauen museum, und betont, dass diese Diskussion schon eine sehr alte sein muss, „ich vermute, seit es Prostitution gibt.“

Echte Gleichstellung ist nur ohne Prostitution möglich 

Prostitution ist ein Gleichstellungshindernis, weiß Schon, denn Männer nutzten sie, „um ihren herausgehobenen Status in der Gesellschaft zu zementieren.“ Es gehe um Macht und Geld und um gelerntes Konsumverständnis.

Dr. Heinz-Trossen erklärt, Kinder erführen früh die „Omnipotenz des wirtschaftlichen Prinzips“. Alles sei käuflich, vom Comic über den Altruismus des Sozialarbeiters bis hin zum Fußballer, der dahin wechselt, wo es mehr Geld gibt. Wer Geld hat, hat auch Macht, so lernen es schon die Jüngsten. Und wofür ich Geld ausgebe, das gehört mir, ganz und gar. So würden „Machthierarchien in der Konsum- und Freizeitsphäre reproduziert“, zitiert Manuela Schon den Soziologen Pierre Bourdieu. 

Hinschauen, aufklären und für eine andere Gesellschaft kämpfen

Das Nordische Modell, das die Freier kriminalisiert und Frauen beim Ausstieg aus der Prostitution hilft, könnte die Machtverhältnisse zwischen Freier und Prostituierter aufbrechen. Doch oft wird diesem Modell unterstellt, dass es dafür sorge, die Prostitution in den Untergrund zu schieben. Wenn Manuela Schon das hört, möchte sie oft schreien: „Euer Untergrund liegt genau vor euch. Schaut doch hin!“ Und das tut sie und kämpft weiter für die Freier-Kriminalisierung und Abolitions-Hilfen, denn sie ist sich sicher: Solange die Gesellschaft wegschaut und Prostitution als „Job, wie jeden anderen“ ansieht, werden Frauen weiterhin sexuell ausgebeutet und ermordet.

Text: Christine Gediga      Bilder: Matthias Gathof

Der Film erscheint am 08. Juli 2021 auf Youtube. für dies und weitere filmprojekte folge „miwi stories“ auf facebook und instagram!

Die Beteiligten:

Manuela Schon, Jahrgang 1982 ist Soziologin und politische Aktivistin und liebt Rockmusik. Sie war Gründerin und viele Jahre Sprecherin des Wiesbadener Bündnis gegen Rechts.Von 2011 bis 2016 war sie Stadtverordnete der Landeshauptstadt Wiesbaden, zuletzt stellvertretende Stadtverordneten-Vorsteherin. In dieser Funktion gründete sie 2013 das “Netzwerk Abolition – Für eine Welt ohne Prostitution” mit. Sie ist aktiv im Netzwerk Stop Sexkauf und hat 2015 mit anderen Aktivistinnen gemeinsam das Dokumentationsprojekt „Sex Industry Kills“ ins Leben gerufen. 2016 war sie eine der Initiatorinnen der Basisinitiative “Linke für eine Welt ohne Prostitution” innerhalb der Partei DIE LINKE. Sie schreibt unter anderem für den radikal feministischen Blog Die Störenfriedas.

 

Dr. phil. Alfons Heinz-Trossen, wurde 1948 in Bingen geboren. Er studierte Sozialwesen an der Fachhochschule in Wiesbaden, Psychologie und Erziehungswissenschaften an der J. W. Goethe Universität in Frankfurt/M. und promovierte dort im Mai 1992 im Fachbereich Erziehungswissenschaften. Er war von 1985 bis 1995 Leiter der Beratungsstelle für sexuell übertragbare Krankheiten im Gesundheitsamt der Landeshauptstadt Wiesbaden. In dieser Zeit führte er umfangreiche Recherchen im Rotlicht-Milieu durch, auf deren Grundlage 1993 sein Buch “Prostitution und Gesundheitspolitik” erschien. 

 

Das frauen museum wiesbaden entstand 1984 aus einer Ausstellung zum Frauenleben in Wiesbaden und beschäftigt sich mit der Frauenbewegung und Lebenswelten von Frauen. Direktorin ist die Soziologin Beatrixe Klein, im Vorstand ist Kim Engels.


Die Regisseurin und verantwortliche für das Storybook des Films Kristine Tauch ist Diplom-Pädagogin und Drehbuchautorin und hat 20 Jahre Erfahrung in der Bildungs- und Kreativbranche. Sie ist Herausgeberin einer Anthologie von Geschichten geflüchteter Menschen („Warum Wir Hier Sind“, erschienen 2018) und leitet als StoryMentor Schreibkurse und Teambuilding-Prozesse. Kristine Tauch möchte besonders soziale Missstände sichtbar machen und bearbeitet gesellschaftlich relevante Themen kreativ.  

Der Regisseur und Kameramann Matthias Gathof ist Master of Arts (Medien-Design) und Start-up Gründer. In mehr als 8 Jahren Praxiserfahrung hat er neben Unternehmensfilmen mehrere sozialkritisch motivierte Kurzfilme produziert, unter anderem „Carne Vale – Fleisch lebe wohl!“ mit über 38.000 views auf YouTube (https://www.youtube.com/watch?v=kLn_5JfyPgU&t=184s). Matthias Gathof möchte mit seinen Filmen gesellschaftlichen Wandel beschleunigen und ist der Initiator der geplanten Filmreihe zum Thema „Prostitution in Deutschland“, dessen Vorfilm „FASSADEN – Prostitution in Wiesbaden“ ist. 

Ansprechperson für weitere Information und Interviews:

Kristine Tauch

kristinetauch@storymentor.de

0178 457 93 36

Wir danken Demokratie leben! Wiesbaden für die Förderung der Filmproduktion!

Die Veröffentlichung stellt keine Meinungsäußerung des BMFSFJ oder des BAFzA dar. Für inhaltliche Aussagen tragen die Autorinnen und Autoren die Verantwortung.   

„Demokratie leben in Wiesbaden“ ist eine Strategie, die das zivilgesellschaftliche Engagement für Demokratie und gegen jede Form von Extremismus fördert. Gefördert werden Projekte in Wiesbaden, die sich für ein vielfältiges, respektvolles und diskriminierungsfreies Miteinander einsetzen.

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